Lesezeit: ca. 12 Minuten. Mit nachdenken etwas länger.

Hierzu ein Hinweis an erster Stelle:

Obige Fragen und Thesen wie „Etwas brauchen ist schlecht. Du sollst nicht brauchen.“ Oder du darfst nicht das Wort „nicht“ beim Wünschen an das Universum verwenden“ und so manches mehr nenne ich gerne „esoterische Trugschlüsse“. Sie kommen bei mir auch gerne unter die Kategorie „esoterische Irrungen und Wirrungen“.

Solche Pauschalierungen kommen vor, wenn wir eine grundsätzliche Wahrheit abstrahieren und mit dem Verstand erdenken wollen. Der eigentliche Kern der Aussage wird dabei verdreht und als allgemeingültige Regel auf alles pauschal angewendet. So etwas kann nie gut gehen! Das ist das gleiche wie: „Schokolade essen ist Sünde.“ oder „Bergsteigen ist tödlich“.

Einfacher wird es, wenn wir die Parallele ziehen zu „Männer sind Arschlöcher“ oder „Kinder sind alle anstrengend“. Da gibt es nun schon mehr Menschen, die das für ihr eigenes Leben differenzieren und nicht als absolute Wahrheit anerkennen wollen. Denn es handelt sicher hierbei um sogenannte Glaubenssätze.

Meine Definition von Glaubenssätzen:

Glaubensätze bezeichnet man allgemein als einen innerlich angelegten Appell, der eine bestimmte Information ähnlich einem eigenen intrinsischen Gesetz – ob positiver oder negativer Natur – beinhaltet und nachdem der Mensch denkt, fühlt und handelt. Er löst eine emotionale Haltung in uns aus, meist durch Konditionierungen aus der Kindheit geprägt (sowohl positiv als auch negativ) oder durch Fehlinterpretationen des Geistes). Die Ur-Glaubenssätze negativer Natur, nachdem sich jeder weitere Glaubenssatz aufbaut, sind:

  1. Ich bin wertlos
  2. Ich habe kein Vertrauen
  3. Ich habe keine Wahl

Spirituelle Wahrheiten sind jedoch subtiler in der Auffassung und benötigen mehr Aufmerksamkeit in der Ausübung. Ähnlich wie wir eine Bibel oder den Koran lesen, kommt in vielen Aphorismen und Gleichungen erst einmal ein großes Fragezeichen auf. Nicht sofort verstehen wir den Kern der Aussage. Denn wer in tiefere Schichten der Wahrheit vordringen möchte, muss sich Zeit, Geduld, Erfahrung und innerer Weisheit aussetzen. Wer hat das heutzutage?

Ich beobachte das immer wieder, dass Menschen sich von Denksystemen und Normierungen lösen wollen, aber in die exakt gleiche Falle – nur mit anderer Verpackung – hineintappen.

Ein Beispiel: In meiner Branche sprechen sich viele gegen die Allgemeinmedizin aus. Und finden dabei die gleichen Dogmen in der Alternativmedizin wieder.

Bedenken wir alleine das Gehacke zwischen Ärzten und Heilpraktikern oder zwischen Ärzten und Ärzten der Homöopathie. Jeder möchte Recht haben, alles andere ist nicht praktikabel. Geht es in solchen Fällen wirklich um wissenschaftliche Thesen oder um etwas anderes?

Und wie ist das mit der Ernährungsindustrie? Ist Fleisch essen nun schlecht oder nicht? Sollte jeder vegan leben? Makrobiotisch? Ayurvedisch nach Typ XY?

Wir möchten uns gerne verbessern, zu guten Menschen werden, zum Leben und der Gemeinschaft beitragen. Jeder auf seine Weise. Jeder glaubt, dass das, was er tut, das Beste ist, was er geben kann. Das ist per se nicht schlecht, birgt aber einige Tücken.

Warum ist das so?

Verblendet von Gegenthesen und neuen Erfahrungswerten, bleibt das Gehirn in der Kategorie „gut oder schlecht“ stecken. Was passiert mit uns in diesem Moment? Unser Gehirn proklamiert etwas als eine neue Wahrheit. Er speichert diese Wahrheit dabei nicht im logischen Bereich der Vernunft ab, sondern im emotionalen Teil des Glaubens. (Eine gute Erklärung hierzu finden Sie in diesem Video von Harald Lesch)

So erschaffen wir eine für uns logische Realität innerhalb eines emotionalen Glaubenssystems.

  • Ich bitte Sie, diesen Satz so oft zu lesen, bis Sie ihn verstanden haben. Denn er trägt die Essenz dieses Artikels.

Unser emotionales Glaubenssystem ist das, was wir unsere Realität nennen. Wir können noch so vernünftige, kluge und intellektuelle Menschen sein. Irgendwann kommen wir an dem Punkt, wo unser Weltbild in Frage gestellt wird. Und damit entscheiden unsere Emotionen über wahr oder unwahr. Denn wer kann schon mit absoluter Gewissheit sagen, dass das, was er sieht, hört, riecht, schmeckt der Wahrheit aller entspricht?!

(Wie oft wurden allgemeingültige wissenschaftliche Beweise bereits widerlegt, archäologische Funde neu gedeutet und Thesen und Statistiken für die eigenen Interessen gefälscht?)

Und alles, was DAGEGEN spricht, wird automatisch angefochten, angezweifelt und in den meisten Fällen bekriegt.

Warum bekriegen wir uns?

Weil wir mit unserem Leben daran hängen. Sollte es jemand schaffen, Gegenthesen einzubringen, hieße das, dass wir unsere eigene Haltung zum Leben überdenken müssten. Und somit auch vergangene Entscheidungen und Lebenswege. Wer will das schon? Das ist bestenfalls unbequem und schlechtestenfalls schmerzhaft. Es hieße, sich verändern zu müssen. Veränderung ist für ein Ego tödlich. Und sobald der Tod nach dem Ego trachtet, wird es sich mit Händen und Füßen zu wehren wissen.

Wer bereits weiß, was es bedeutet, den eigenen Ängsten ins Gesicht zu schauen und hindurchzugehen, weiß, wovon ich spreche.

Es fällt Menschen unglaublich schwer, sich für etwas zu entscheiden ohne sich GEGEN etwas zu entscheiden. Die meisten Menschen tendieren dazu, ihre Entscheidung zu treffen, in dem sie das Zurückgelassene (schlechte) mit einer Bewertung untermauern.

„Person XY hat mich schlecht behandelt, ich werde sie von nun an ausgrenzen.“ „Tiere werden sinnlos und unter Qualen geschlachtet, ich hasse alle Fleischesser.“

„Der Staat beutet uns aus, ich finde alle Politiker zum k….. .“

So entstehen Argumente und Rechtfertigungen für einen Krieg, für Versklavung, für weitere freiheitsberaubende Systeme, für Glaubenssysteme in uns, die andere wiederum ausschließen werden.

Für jeden einzelnen ausgedrückt, hieße das, dass jeder bei seiner Meinung bliebe ohne oder nur wenig eine andere zuzulassen – ohne jemals seine Meinung zu überdenken geschweige denn zu ändern. Sich einer anderen Meinung und einem anderen Weltbild zu öffnen und sie nicht nur oberflächlich zu betrachten, kann auch bedeuten, auf eigene schmerzhafte Glaubenssätze zu stoßen, die man vorher lieber vergraben wollte. Würde derjenige seine Meinung überdenken, die eigentlich seine Ideologie und Weltsicht untermauern sollte, müsste er in diesem Moment diese emotionale Ladung erst einmal aushalten und akzeptieren. Erst wenn wir akzeptieren und annehmen lernen, können wir die Dinge verändern. Nur danach, nicht davor. Das gilt auch für das eigene Chaos in uns. Das ist eine Fähigkeit, die nur wenige in der Tiefe besitzen.

Ist brauchen also schlecht?

Nein. Brauchen ist nicht per se schlecht.

Denn an dieser Stelle müssen wir uns Gedanken machen, was Gut und was Schlecht in unserem eigenen Wertesystem bedeutet.

Für mich kann das Wort „brauchen“ verschiedene emotionale Färbungen haben. Die emotionale Färbung und der Glaube über das eigene Weltbild sind der entscheidende Schlüssel, um Worte eines anderen überhaupt verstehen zu können!


Eine mögliche Übersetzungshilfe neben einer gut geschulten Intuition, wäre ein Mittel mit großer Kraft: Fragen.

Ich sehe es in vielen aufgeweckten Kreisen. Es gibt viele kluge Menschen mit guten Denkansätzen, aber die Fähigkeit, seinem Gegenüber den Raum zu geben, sich zu erklären und mitzuteilen, ist sehr minder ausgeprägt. Schnell ist ein Urteil gefällt. Denn der Geist übersetzt gleiche Worte aus einem fremden Mund ganz fix in die eigene Realität. Frei nach dem Motto: „Was nicht passt wird passend gemacht!“


Wenn ich also sage „Ich brauche dich“, kann das sowohl heißen, dass ich dich bitte, mir im Haushalt zu helfen als auch aussagen, dass ich ohne dich nicht mehr leben kann.

Jemanden im Haushalt zu unterstützen oder bei welchen Arbeiten auch immer, sollte eine natürliche Regung im Menschen sein um anzupacken, dabei zu sein und mitzuhelfen. Dass für manche Arbeiten mehrere Menschen gebraucht werden, ist völlig normal. Wenn wir einen schweren Schrank verladen möchten, geht das selten alleine.

Was, wenn ein Schrank sich in etwas Subtileres verwandelt wie Hausarbeit oder Erziehung oder Beziehung? Was, wenn bestimmte Dinge nur dann funktionieren, wenn sie gemeinsam erledigt werden?

Wie oft habe ich mich und andere dabei erwischt, alles alleine machen zu wollen? Teils aus falschem Stolz und teils – wenn wir etwas tiefer graben – aus dem Glaubenssatz heraus „Mir hilft sowieso niemand. Ich wurde bisher immer fallen gelassen, ich kann kaum jemandem vertrauen.“

Auch jemanden um Hilfe zu bitten kann eine große Hürde darstellen.

Es gibt also das Brauchen, das andeutet, dass gemeinsame Arbeit ansteht.

Dann gibt es das Brauchen, das einen romantischen Unterton in sich trägt, häufig aber Abhängigkeiten aufbaut. Wenn ein Pärchen sich in einer romantischen Situation zärtlich zuflüstert: „Ich brauche dich.“ ist das ein wunderschöner Moment, den man auskosten sollte. In diesem Moment ist die Zweisamkeit, die man eben nur zu zweit genießen kann, im Fokus.

Gehen wir aber weiter in das Geschehen und sehen, dass dieses Pärchen immer mehr um sich herum aufbaut um voneinander abhängig zu werden oder sogar Konditionen zu erstellen, um weiterhin gemeinsam zu leben, wird die Sache etwas schwieriger.

Ich sage dabei nicht, dass man sich deswegen immer ein Hintertürchen offenlassen sollte, sondern ich sage, dass man auch hier differenzieren muss, was emotionale Färbung und Weltbild ausmachen.

Ein Beispiel aus meinem Leben:

Ich hatte mal eine Freundin, die durfte aufgrund der Überängstlichkeit ihrer Mutter kein Messer in die Hand nehmen. Die Küche war für sie Tabu. Sie durfte allerdings sämtliche andere Hausarbeit verrichten und stand streng unter dem Regime ihrer Mutter. Sie wurde mit Schlägen und Hausarrest gemaßregelt. Ihr Vater spielte nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ein bisschen kam sie mir immer wie Aschenputtel vor.

Damals fand ich diese Regeln unfair und komisch, denn wir konnten dadurch nicht so viel Zeit miteinander verbringen. Jetzt als Erwachsener hätte ich womöglich das Gespräch mit der Mutter gesucht.

Sie wurde schnell frühreif und versuchte, sich wegzuschleichen (was noch mehr Bestrafung nach sich zog). Sie fing früh an, sich an Jungs heranzuwagen, denen sie überhaupt nicht gewachsen war und warf sich ihnen an den Hals.

Ich weiß noch, dass sie eines Abends stock besoffen von unserer Kellerparty von einem Kerl nach oben geschleppt wurde. Wir waren kaum 15. Er schloss sie in mein Zimmer ein. Und hätte ich nicht wie wild an die Tür gehämmert und so lange Radau gemacht, bis er die Tür aufschloss, hätte ich nicht garantieren können, was in der Nacht geschah.

Sie fing an, diese Typen zu „brauchen“. Ich verlor sie irgendwann aus den Augen und bekam nur noch mit, dass sie sehr früh auszog, bei jedem Freund von Heirat sprach und teilweise sexuelle Praktiken ausübte, denen sie in diesen jungen Jahren nicht gewachsen war.

Das ist das subtilere Brauchen.

Das subtile Brauchen

Wenn wir etwas (meist in der Kindheit) nicht bekommen haben und es uns fehlt, suchen wir es uns in irgendeiner Form wieder.

Da aber dieses Fehlen oder gar der Verlust mit einem Schmerz verbunden ist, fangen wir an, schlechte Entscheidungen zu treffen, die diesen Verlust kompensieren sollen.

Wenn unser Verlangen nach etwas mit einer schmerzhaften Erinnerung gekoppelt ist, kommen immer schlechte Entscheidungen dabei heraus.

Meist können wir diese schmerzhaften Erinnerungen jedoch nicht alleine finden – häufig sind sie so schmerzhaft, dass wir sie vergessen oder ignoriert haben. Wir blenden diesen Teil des Lebens aus. (Gottseidank gibt es mittlerweile viele Formen und Therapien, den Dingen auf den Grund zu gehen.)

Diese Form des Brauchens ist viel viel komplexer, als wir uns das zugestehen möchten.

Ich sehe so viele Praktiken und Übungen, die einem weißmachen möchten, dass die Dinge dann „gelöst“ sind. Eine Übung zum Thema X und schwupps, sind alle Ihre Probleme gelöst. So einfach ist das Leben!


Ein Test

Ein ganz einfacher Test um zu sehen, ob die Dinge wirklich gelöst sind, sind folgende Fragen:

  1. Komme ich in ähnliche/gleiche Situationen wie früher, die mir das Leben schwer machen?
  2. Thematisiere ich immer noch das Problem/den Konflikt/die Blockade in Gesprächen oder Gedanken?

Wenn etwas weg ist, ist es weg. Ist es verdaut, verarbeitet, erkannt, gebannt, gelöst, befriedet und entstresst.

Sollten Sie wieder anfangen und sich rechtfertigen wollen, sich entschuldigen oder das Problem schön reden, ist es auch noch nicht gelöst.


Manche meiner Klienten sagen: „Nein, mit meiner Mutter habe ich keine Probleme. Ich sehe sie ja nicht mehr!“

Einige wundern sich, weshalb ihnen Geschichten von früher noch anhaften: „Aber es ist doch schon längst geschehen! Ich dachte, darüber bin ich schon längst hinweg.“

Wenn das so wäre, dann müsste jeder Soldat aus dem Krieg ein glückliches Leben danach führen können. Das tut er aber nicht.

Unser Körper merkt sich unsere Erlebnisse. Jedes einzelne. Und wenn wir nicht lernen, diese Erlebnisse zu verdauen und möglichen Stress, Schmerz oder Druck darin zu „entstressen“, werden sie uns auch weiterhin, meist in neuem Gewand, widerfahren. So lange, bis wir hinschauen.

Dabei ist das unabhängig davon, ob wir glauben, diese Dinge nicht mehr zu brauchen. Schmerzhafte Erfahrungen oder Schocks suchen sich immer einen Ausweg, um gesehen zu werden.

Wie Sie sehen, ob wir nun etwas brauchen oder nicht brauchen, ist ein schwieriger Fall.

Raga und Dvesha

Im Yoga spricht man von Raga – das „unbedingt immer wieder haben wollen“. Einer der fünf Störfaktoren im menschlichen Geist.

„Raga drückt den Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung aus und dem Festhalten an Vorlieben – was sich auch in einer regelrechten Gier oder in Süchten ausdrücken kann. Dahinter verbergen sich gute Erfahrungen, die man zumindest einmal gemacht hat und daraufhin immer wieder erleben möchte. Das Glücksverlangen allein steuert das Handeln.

Dvesha: Auf gar keinen Fall (wieder) haben Wollen

Damit wird das Gegenteil von Raga bezeichnet, nämlich eine übertriebene Ablehnung von Dingen, die auf schlechten Erfahrungen oder Vorurteilen basiert. Anstatt einer Situation oder einem Menschen offen gegenüberzustehen, bestimmt Dvesha, in diesem Fall Schubladendenken und negative Gedanken, das Handeln.“

(Quelle: Yoga – Inge Schöps)

Ein Abstreiten oder unbedingtes Verlangen von Vorlieben verursacht also Leiden.

Sex als Tabu

Das sehen wir besonders gut beim Thema Sex.

Nichts ist so tabuisiert wie Sex in unserer Gesellschaft. Es erblühen ganze Landschaften, die sich hinter verdeckten Fenstern abspielen. Von den perversesten zu den grausamsten Szenarien, die wir uns vorstellen können. Das hat nichts mehr mit Weiterentwicklung zu tun sondern mit Menschen- und Lebensverachtung.

Wir fangen an, unsere inneren Wünsche und Triebe zu unterdrücken und leben sie danach hinter vorgehaltener Hand oder Vorhängen aus. Wenn etwas zu lange schwelt, wird irgendwann das Feuer ausbrechen.

Hierbei auch ein Brauchen im Spiel. Wir brauchen bestimmte Handlungen, um das Leben zu spüren. Wir nötigen uns ab, in immer weitere Extreme hineinzugelangen, ohne das Ende absehen zu können – oder zu wollen. Dabei gehen wir nicht mehr von dem eigentlichen Brauchen – der ursprünglichen Bedürfnisbefriedigung aus sondern von dem, was die innere Leere an Ideen hervorbringt, die kompensieren soll. Wir werden durch verschiedene Faktoren sehr kreativ im scheinbaren Lösungsweg.

Wer geschult ist, hört auch die leisen Töne. Vorher.

Vielleicht haben wir es schon viel früher gebraucht, dass wir in den Arm genommen werden. Das wir gehört werden in unseren Wünschen, das uns jemand zuhört in unseren Sorgen. Dass wir geliebt werden. Und das wir gebraucht werden wollen. Das wir einen Sinn und Zweck sehen in unserem Dasein auf diesem Planeten.

Aber vielleicht ist all das vor langer Zeit verblüht oder nie dagewesen. Oder mit schweren Stiefeln getreten.

Wie soll ein Mensch dann jemals diese innere Leere mit eigener Zuwendung und Selbstbewusstsein füllen? Das ist sehr schwer. Das geht nur im Verbund.

Ich halte mittlerweile die meisten (psychischen) Krankheiten und Auswüchse für eine kollektive Erkrankung unserer Gesellschaft, die weit über unsere jetzige Zeit hinaus entstanden sind.

Wir stellen uns bisher nur nicht die richtigen Fragen, um die Ursachen zu finden. Es wäre ja auch sehr unbequem. (Siehe weiter oben, als ich davon sprach, warum es uns so schwer fällt, Glaubenssätze aufzugeben.)

Der Mensch liebt es, gebraucht zu werden

Wenn ein Mensch um Hilfe gebeten wird, ist er selten jemand, der diese Bitte abschlagen wird. Häufig ist er sehr stolz, geholfen zu haben. Es ist ein natürlicher Impuls im Menschen, helfen zu können und gemeinsam etwas zu vollbringen.

Aber in unserer Gesellschaft sehen wir häufig Tendenzen der Ignoranz, wir schauen weg, wir hören nicht hin, wir lachen aus, wir verschönern, was schlecht ist, wir anonymisieren. Häufig durch die Medien verherrlicht. Der Mensch in seiner negativen Form ist auch sensationslüstern.

Wir selektieren aus, woran wir glauben oder nicht, und das in einer sehr primitiven und einengenden Denkweise.

Zusätzlich dazu arbeiten wir in einer Leistungsgesellschaft. Das Geld diktiert den Weg des Erfolgs. Geld und Leistung sind gefragt, nicht Nächstenliebe und menschliche Nähe.

Diese beiden Richtungen haben sich noch nicht ausgesöhnt.

Der Mensch ist in all dem ein leicht zu verführendes Wesen. Er schwankt mal in die eine, mal in die andere Richtung.

Aber eines kann er nicht abstreiten: Wir brauchen einander.

Unsere Gesellschaftsform kann nicht ohne jeden einzelnen existieren. Eine Familie nicht, wenn sie nur aus einer Person besteht. Ein Kind nicht ohne die Eizelle einer Frau und den Samen eines Mannes. Ein Staat nicht ohne Bürger. Eine Firma nicht ohne Mitarbeiter.

Ein Samen kann nicht erblühen ohne Erde, Wasser, Wärme, Licht und Nährstoffe. So wie ein Same nur im Verbund mit anderen Elementen wachsen kann, so ist es auch beim Menschen. Ohne den Rückhalt der Menschen um uns herum, ohne die Einbindung in ein soziales Netz gehen wir ein wie eine Pflanze, die vertrocknet.

Lassen wir uns also mehr brauchen – an den richtigen Stellen.

Und weniger brauchen – ebenfalls an den richtigen Stellen.