Mein Weg des Yoga

Mit 19 hatte ich zum ersten Mal die ersten Berührungen mit Yoga. Nach langjähriger Ausbildung im Ballett wollte ich etwas finden, was den Dehnungen und weiten Bewegungen gleichkam, aber ohne die festen Regeln und dem Perfektionismus, der einem in diesem Sport abverlangt wurde. Ich hatte mich eine Zeit lang überdehnt und mein unterer Rücken bereitete mir Schmerzen in den Rückbeugen. Außerdem nahm ich sowohl an Gewicht als auch an Stresspensum zu. Das Training fiel mir immer schwerer.

Als ich dann Yoga einmal im Fernsehen sah, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. „DAS ist also Yoga?!“, dachte ich. Denn viele Dehnübungen, die ich zuhause ausprobierte, glichen den Übungen, die ich beim Yoga wieder entdeckte. Ich kaufte mein erstes Yoga-Buch mit leichten Übungen.

Ein paar Jahre später besuchte ich meinen ersten Kurs. Einen VHS Kurs um die Ecke, der mir Zeit und Geld sparte. Ich war bereits alleinerziehend.

Die Übungen machten mir Spaß. Es ging alles sehr einfach und entspannt. Damals waren mir viele Kriterien noch gar nicht wichtig. Ich wollte einfach erst einmal in Tuchfühlung damit gehen.

Ich zog um und besuchte einen Kurs im Fitnessstudio. Diesmal lernte ich Yoga von der Fitnessseite kennen – oder anders gesagt: wie die westliche Welt Yoga in ihren Alltag übersetzte.

Es war anstrengend, wir schwitzten viel und es gab wenig Entspannungsphasen. Auch nicht zum Schluss. Wir waren aber fit und gut gedehnt. Das war zu dem Zeitpunkt mein Hauptaugenmerk. Ich merkte dort bereits, dass mir die „Zwischenzeilen“, das Ausruhen und in sich gehen, etwas fehlten. Ich konnte es jedoch nicht so benennen.

Wiederum zog ich fort. Ich erhielt einen anstrengenden Arbeitsplatz, der meine volle Aufmerksamkeit abverlangte. Ich war Tag und Nacht bei der Arbeit und meine Tochter sah mich kaum. Die ersten körperlichen Symptome zeigten sich und ich bekam häufig Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und Erschöpfungsmerkmale. Ich fing an, wieder ins Fitnessstudio zu gehen in der Zeit, wo ich mich von der Arbeit loseisen konnte. Aber ich merkte schnell, dass mir die monotonen Bewegungen an den Geräten keine Erfüllung gaben. Irgendetwas Signifikantes fehlte.

Irgendwann kamen mir in einer Pause zwei Joggerinnen entgegen, die ein T-Shirt anhatten mit dem Namen eines Yogastudios. Sie sahen so leicht, fit und unbeschwert aus. Ich fand heraus, dass sich das Yogastudio nur ein paar Ecken um meinen Arbeitsplatz befand und folgte den Treppen nach oben. Es war eine alte ausgebaute Industriehalle, in der verschiedene Firmen ihren Sitz hatten. Eine schwere Eisentür stellte den Eingang dar. Wenn es Kurse gab, war die Tür verschlossen.

Als ich die hellen, weiten Räumlichkeiten sah und mit welchem Eifer jeder dabei sein wollte, schrieb ich mich sofort ein. Erst für einmal in der Woche, danach für zweimal, dreimal und dann nahm ich die Flatrate für alle Kurse.

Yoga tat mir so gut

So oft es in meinen Stundenplan passte, ging ich zum Yoga. Das half mir, durch die schlimmste Zeit meiner Arbeitszeit hindurchzukommen und geistig wieder ein bisschen näher zu mir zu gelangen.

Als ich die Arbeitsstelle verlor, gab es neben dem Schock eine große innere Welle der Erleichterung, die mich Abschied nehmen ließ von den Vorstellungen in mir, wie Arbeit und die Arbeitswelt für mich zu sein hatten. Stück für Stück erkannte ich, dass diese Vorstellung „hausgemacht“ war. Ich hatte damals wirklich die Überzeugung, dass ich mich krumm und buckelig schuften musste, um mir und anderen gerecht zu werden.

Es begann eine lange Reise der Selbstfindung.

Die erste Klasse

Yoga behielt ich bei, auch in den Weiterbildungen, die ich beruflich in Anspruch nahm. Ich las nebenbei Bücher, beschäftigte mich mit Menschen aus dem Yoga, lernte über die universelle Energie und das Resonanzgesetz, lernte die systemische Arbeit kennen und übte viel zuhause.

Irgendwann begegnete ich meinem Ex-Partner, einem ganzheitlichen Mediziner. Eines Abends sah er, wie ich die Menschen berührte und bei ihnen durch bestimmte Massagegriffe für Erleichterung sorgte, etwas, was mir schon seit Kindesbeinen an vertraut war.

Er fragte mich, ob ich nicht bei ihm lernen wollte, um möglicherweise Heilpraktikerin zu werden. Dass ich den Weg des Heilpraktikers nicht eingegangen bin, ist eine andere Geschichte. Aber wir kamen zusammen und ich zog wieder um.

Ich erzählte ihm von meiner Hingabe für Yoga und zeigte ihm einige Übungen, die ich im Kopf hatte. Er war von vornherein begeistert von den Auswirkungen, die es bei ihm körperlich gab. Er fing an, meine Fähigkeiten unter seinen Patienten zu bewerben und es fanden sich schnell drei Personen, die einen Kurs anfangen wollten.

So kam es, dass ich vor neun Jahren zum aller ersten Mal meinen aller ersten Yogakurs in seinen Behandlungsräumen gab.

Was will ich?

Das Lehren fiel mir nicht schwer. Ich hatte Freude daran, mein Wissen weiterzureichen und es auf mundgerechte Art und Weise zu vermitteln. Es war schön zu sehen, wie sowohl die Gruppe als auch ich mich weiterentwickelte.

Was mir schwerer fiel war der kaufmännische Bereich. Schon früh habe ich gelernt, Dinge aus meinen eigenen Händen zu erschaffen. Ich liebte das Basteln und Malen. Aber für eine Dienstleistung oder ein Kunstwerk einen angemessenen Preis zu erhalten, damit hatte ich mich noch nie beschäftigt. Was war der Wert meines Yogaunterrichts? Was war ich mir Wert?

Die Gruppe vergrößerte sich. Nach und nach öffnete ich weitere Zeitfenster, um andere Yogaschüler aufzunehmen.

In der Zeit beschäftigte ich mich neben den kaufmännischen Aspekten auch viel mit dem Unterrichtsinhalt. Was war für mich eigentlich guter Yogaunterricht? Was machte ihn aus und wie wollte ich, wäre ich mein eigener Schüler, von mir behandelt werden?

Mir fiel schnell auf, dass ich lieber kleinere Gruppen unterrichtete. Mir gefiel, dass ich jedem in die Augen schauen konnte und deren Geschichte kannte. Dass ich die Menschen berühren und sie persönlich fordern und fördern durfte. Dass ich Zeit hatte, ihnen zuzuhören und ihre Bedürfnisse kannte.

Mir war auch wichtig, dass ich die Kurse in einem heimeligen Raum mit Kerzen, Pflanzen, Edelsteinen und einer „gereinigten“ Atmosphäre abhalten konnte. Farben, Duft und Licht wurden wichtig.

Die Zeit der Lehre

In dieser Zeit lernte ich viel über die Meridiane, den energetischen Schaltkreisen des Menschen kennen. Ähnlich wie die Nervenbahnen des Fasziensystems, durchziehen die Meridiane den gesamten Körper und sind zudem mit Drüsen, Hormonen, Organen und bestimmten Emotionen verbunden. Ich lernte auch, dass vieles, was ich vermittelte, bereits in Harmonie mit dieser Lehre ging. Ich spürte, welches Körperteil welche Zuwendung benötigte, welche Energie in welche Richtung floss, ob sie vorhanden oder abgeschwächt war und ob es Organe gab, die stärker arbeiteten als andere. Ich durfte mich in der Praxis meines Ex-Partners oft beteiligen und sah meine Theorien und Empfindungen in den Diagnosen der Patienten bewiesen. Es war ein Spüren, Beobachten, Prüfen und stetiges Lernen.

Damit verstärkte ich mein Selbstbewusstsein und meine Erfolge und setzte diese nicht nur in den Massagen um sondern auch im Yoga. Mit wenigen Handgriffen konnte ich Beschwerden lockern und lösen und erklären, in welchem Zusammenhang sie mit den eigenen Empfindungen lagen. Das war eine neue und doch altbekannte Welt für mich.

Neben der Anatomie lernte ich also viel über die psychischen Komponenten und emotionalen Zusammenhängen im Menschen und begab mich in die Welt der Esoterik und Tiefenpsychologie.

Esoterik – nur Blödsinn?

Eine faszinierende aber verwirrende Zeit brach an. Wem und was konnte ich Glauben schenken und was konnte ich einfach nur als unbrauchbaren Schmu bezeichnen? Wir probierten viel aus. Manches zum Guten und manches zum Schlechten.

Die Welt der Esoterik, auch „geheimes Wissen durch Überlieferung“ genannt, ist mittlerweile ein gut besuchter wirtschaftlicher Markt geworden. Findige Geschäftsleute möchten auf den Zug aufspringen und Geld mit dem Glauben anderer verdienen.

Dieser Markt ist mit so vielen Illusionen gespickt, das einem schwindelig werden könnte.

Auch ich war von der einen oder anderen Augenwischerei nicht befreit. Der Reiz, in etwas Mystischem sein Heil zu finden, verführt den menschlichen Geist sehr schnell dazu, viele viel essentiellere Dinge in den Hintergrund zu drängen. Wie ein unliebsames, lästiges Tier, das man verscheuchen möchte.

Auch wenn Bewusstseinsarbeit ein sehr wichtiger Bestandteil meiner Kompetenz darstellt, ist es mir wichtig, den Menschen auf dem Boden der Tatsachen zu halten. Wie häufig habe ich gesehen, dass Menschen sich mit allem Möglichen aus der Esoterik beschäftigten – nur nicht mit sich selbst. Die Beschäftigung mit sich selbst wird mehr wie ein Objekt angesehen, das man verändern und verbiegen kann, schmücken, dekorieren oder ausdehnen, aber selten dazu genutzt wird, wirklich und wahrhaftig die Dinge zu klären, die es zu klären gilt.

Viele selbst ernannte „erwachte Meister und Meisterinnen“ überziehen den Markt und möchten vorgaukeln, dass mit dieser einen Übung, mit dieser Meditation, dem Ritual und dem Workshop, jener Lehre und jenem Gerät oder Werkzeug alle Probleme der Menschheit gelöst werden können.

Aber Menschen tragen immer noch ihre Konflikte aus, können ihre Rechnungen nicht bezahlen, laufen den gleichen negativen Konditionierungen aus ihrer Kindheit nach, haben immer noch Beziehungsstress oder nicht den Alltag, der ihnen Erfüllung bringt – und wundern sich, warum sich nichts verändert.

Manche wundern sich nicht mehr, sondern blenden einfach direkt aus. Wo kommt dann auf einmal die Wut her? Die Trauer? Die Depression? Die Angst? Die Krankheit?

Der Weg zu sich selbst ist nicht eine gerade ehrliche Linie. Es ist eine Wegstrecke mit vielen Schnörkeln, Umwegen, Innehaltem, Kehrtmachen wollen, Aussitzen, Ausblenden und Davonrennen.

Auch das ist Yoga: Sich dem Leben stellen.

Mit diesen Erfahrungen und Lehren in mir, wuchs der Kreis meiner Schüler. Ich bekam eigene Räumlichkeiten und hatte bis zu fünf Kurse neben den Massagen und den Einzelsitzungen. Der Wunsch, dass ich auch außerhalb vom Yoga Heilsitzungen gebe, wuchs stärker.

In dieser Zeit erlebte ich große Umwälzungen in meiner Persönlichkeit und meines eigenen geistigen Wachstums. Es war Zeit, die Beziehung zu verlassen, die mir anfangs so viel Halt gab, um zu neuen Ufern zu gelangen. Als Frau, Mutter, Partnerin und Geschäftsfrau.

Yoga war dabei immer ein Bestandteil. Meine Yogaschüler wuchsen in den Jahren der gemeinsam verbrachten Zeit immer mehr zu einer starken Gemeinschaft zusammen.

Ich sah viele kommen und gehen.

Wir lachten gemeinsam, wir weinten gemeinsam, wir tauschten Sorge, Ängste, Nöte und schöne Momente miteinander aus. Wir halfen uns auch außerhalb des Unterrichts.

Es war schön zu erleben, wie jeder bei sich bleiben konnte, wertschätzend dem anderen gegenüber, in dem er seine eigenen Grenzen wahren konnte. Die Verbindung von Herz zu Herz wuchs darüber hinaus und öffnete Persönlichkeitsaspekte, die man vorher verschwieg oder aus Angst verdeckte. Das gab der Gruppe eine Harmonie, die ihresgleichen suchte.

Das war mir mehr wert als alle Asanas (Yogaübungen) dieser Welt.

Ein neuer Anfang

Auch wenn ich wieder umzog und nun in einer neuen Umgebung neue Gruppen aufbaue, so kann ich heute aufrichtig auf die Zeit zurückblicken, die mir auf meinem Weg des Yoga so viele Juwelen aufzeigte, mich mit allen Unsicherheiten und Selbstzweifeln konfrontierte – und einfach nicht locker ließ.

Die Auseinandersetzung mit Yoga und seiner Philosophie sehe ich als einen natürlichen, immer weiter wachsenden und nährenden Bestandteil meines Lebens an. Nicht, weil ich viele Bücher lese oder ständig Fortbildungen besuche, sondern weil ich immer dabei bin, mein Bestes zu geben, um der Gemeinschaft mit meinem Unterricht und meinem Wesen ein wertvoller Beitrag zu sein. In dieser Interaktion entwickelt sich ein eigener geistiger Wachstum, der einem die Zusammenhänge des Lebens näher bringt. Hinzusehen, mitzuhelfen, anzupacken, anzusprechen, mutig zu sein, durchzuhalten, innezuhalten, die Stille aushalten, die eigenen körperlichen und gedanklichen Grenzen zu erweitern – all das ist Yoga für mich.

Yoga führte mich immer wieder zu mir selbst hin. Egal wohin ich gehe. Sobald ich meinen Körper und meinen Atem in den Übungen spüre, so lange ich in Drehungen, Haltungen und Positionen verharre und Neues darin entdecke, sobald ich einen Raum betrete, meine Stimme höre und Anleitungen gebe, sobald ich in die Stille gehe oder töne, sobald ich über das Leben nachdenke und meinen Emotionen entgegenblicke – ich werde immer darin gefordert, in meiner Mitte zu bleiben. Mit allem, was mich ausmacht. Um das Beste zu extrahieren, was ich in diesem Moment weitergeben kann. Mit Leib und Seele.

Das ist mein Yoga und wird es immer sein.